Bevor wir über Sterbehilfe sprechen
Warum wir zuerst die Not der Menschen verstehen müssen
Die Diskussion über assistierten Suizid und Sterbehilfe wird häufig unter dem Gesichtspunkt der Selbstbestimmung geführt. Menschen sollen selbst entscheiden dürfen, wann und wie ihr Leben endet. Unabhängig davon, welche persönliche Haltung man zu diesem Thema einnimmt, gibt es eine Frage, die häufig zu kurz kommt: Was bewegt einen Menschen dazu, nicht mehr leben zu wollen?
Von Margarethe Profunser

Wer nach Antworten sucht, muss zuerst die Not verstehen. Es genügt nicht, über Recht oder Unrecht zu diskutieren. Eine humane Gesellschaft wird danach fragen, welche Ängste, welche Belastungen und welche Erfahrungen hinter einem solchen Wunsch stehen. Erst wenn wir diese Not ernst nehmen, können wir Antworten entwickeln, die dem Menschen wirklich gerecht werden. Der Wunsch zu sterben entsteht nur selten im luftleeren Raum. Er entwickelt sich häufig in einer Situation, in der Menschen keine Perspektive mehr sehen oder überzeugt sind, dass sich ihre Lebensqualität unwiederbringlich verschlechtert hat.
Die Erfahrungen aus der Hospizarbeit, der Palliativmedizin, der Trauerbegleitung, der psychosozialen Begleitung und der Seelsorge zeigen ein bemerkenswertes Bild: Die meisten Menschen wünschen sich nicht in erster Linie den Tod. Sie wünschen sich, dass etwas aufhört: Schmerzen sollen aufhören. Angst soll aufhören. Einsamkeit soll aufhören. Hoffnungslosigkeit soll aufhören. Hinter einem geäußerten Sterbewunsch steht häufig nicht der Wunsch nach dem Tod, sondern der Wunsch nach einem Ende des Leidens. Deshalb ist es wichtig, genau hinzuhören. Wer vorschnell nur den geäußerten Sterbewunsch wahrnimmt, übersieht möglicherweise die eigentliche Bedrängnis, die dahintersteht.
Ein Grund ist die Angst vor körperlichem Leiden. Viele Menschen fürchten starke Schmerzen, Atemnot oder einen langen Sterbeprozess. Diese Sorge ist verständlich. Gleichzeitig hat die Palliativmedizin in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Schmerzen und viele belastende Symptome können heute häufig wirksam gelindert werden. Nicht jedes Leiden verschwindet vollständig, aber vieles kann so behandelt werden, dass der Mensch bis zuletzt bestmöglich versorgt werden kann. Deshalb lautet die erste Antwort auf diese Angst nicht Sterbehilfe, sondern eine gute palliative Versorgung. Sie umfasst weit mehr als Schmerztherapie. Ihr Ziel ist es, belastende Symptome zu lindern und den Menschen bis an sein Lebensende medizinisch, pflegerisch, psychosozial und – wenn gewünscht – spirituell zu begleiten.
Andere Menschen leiden unter dem Gedanken, ihre Selbstständigkeit zu verlieren. Sie möchten niemandem zur Last fallen, fürchten die Abhängigkeit von Pflege oder erleben sie als Verlust ihrer Würde. Dahinter steht oft ein Menschenbild, das Würde mit Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit und Kontrolle verbindet. Die Würde eines Menschen hängt nicht davon ab, was er noch leisten kann oder wie unabhängig er ist. Sie bleibt bestehen – auch in Krankheit, Schwäche und Pflegebedürftigkeit. Gerade schwer kranke Menschen erinnern uns daran, dass der Wert eines Menschen niemals an seine Produktivität gebunden sein darf.
Ebenso häufig begegnet uns die Sorge, Angehörige zu belasten. Alte und schwerkranke Menschen erleben die Erschöpfung ihrer Familien, sehen den organisatorischen Aufwand der Pflege oder die finanziellen Sorgen. Manche entwickeln daraus Schuldgefühle und gelangen zu der Überzeugung, ihr Tod wäre für andere eine Entlastung. Hinter solchen Gedanken steht meist nicht der Wunsch nach dem Tod, sondern die Angst, anderen zu schaden oder ihnen zur Last zu fallen. Eine menschliche Gesellschaft wird deshalb nicht den Tod anbieten, sondern Unterstützung – für Betroffene ebenso wie für ihre Angehörigen. Dazu gehören Entlastungsangebote, professionelle Pflege, psychosoziale Begleitung und ein tragfähiges soziales Netz. Hinzu kommen Sinnverlust und Hoffnungslosigkeit. Krankheit verändert Lebenspläne. Rollen brechen weg. Aufgaben verschwinden. Manche Menschen fragen sich, welchen Sinn ihr Leben noch hat. Andere erleben eine Depression oder eine tiefe seelische Krise. Gerade deshalb darf ein geäußerter Sterbewunsch nicht vorschnell als endgültige Entscheidung verstanden werden. Hinter ihm kann eine behandelbare psychische Erkrankung oder eine seelische Not stehen, die Begleitung, Therapie oder menschliche Nähe braucht. Erfahrungen aus der Palliativmedizin zeigen zudem, dass ein Sterbewunsch nicht selten schwankt. Er kann sich verändern, wenn Schmerzen gelindert werden, wenn Ängste ernst genommen werden oder wenn Menschen erleben, dass sie in ihrer Situation nicht allein gelassen werden.
Eine Erfahrung begegnet in der Begleitung Sterbender jedoch immer wieder und berührt vielleicht tiefer als alle anderen: die Angst vor dem Alleinsein. Viele Menschen haben weniger Angst vor dem Tod als davor, allein sterben zu müssen. Sie fürchten die letzte Nacht. Sie fürchten die stillen Stunden. Sie haben Angst, dass niemand da ist, wenn sie ihren letzten Weg gehen. Der Mensch ist von Anfang an auf Beziehung angelegt. Er kommt nicht allein ins Leben – und viele möchten auch nicht allein aus ihm gehen.
Aus dieser Erfahrung heraus entstand auch der Kurzlehrgang „Sitzwache bei Sterbenden“. Die Sitzwache ist ein Angebot für Menschen, deren Lebensende unmittelbar bevorsteht. Ausgebildete Sitzwachen verbringen – je nach Wunsch und Bedarf – tagsüber oder nachts Zeit an der Seite eines sterbenden Menschen. Im Mittelpunkt steht nicht eine Aufgabe, die erfüllt werden muss. Im Mittelpunkt steht der Mensch. Sitzwachen begleiten Sterbende auf einem Weg, der nicht mehr aufgehalten werden kann. Sie wissen, dass sie Krankheit und Sterben nicht verändern können. Gerade diese Ohnmacht gemeinsam auszuhalten, gehört zum Wesen einer Sitzwache. Sitzwachen übernehmen keine medizinischen oder pflegerischen Aufgaben. Sie schenken Zeit, Aufmerksamkeit und verlässliche Gegenwart. In einer Lebensphase, in der vieles nicht mehr beeinflussbar ist, wird das Dasein selbst zu einer Form der Begleitung. Es macht deutlich, dass kein Mensch auf seinem letzten Lebensweg allein gelassen werden soll. Gleichzeitig entlasten Sitzwachen Angehörige. Sie ermöglichen ihnen, für einige Stunden Kraft zu schöpfen, notwendige Erledigungen zu machen oder einfach zur Ruhe zu kommen – in dem Wissen, dass ihr schwerkranker Angehöriger in dieser Zeit nicht allein ist. Sitzwachen entstehen aus der Überzeugung, dass menschliche Gegenwart auch dort von unschätzbarem Wert ist, wo Medizin und Pflege an ihre Grenzen kommen. Sie sind kein Ausdruck von Aktionismus, sondern von Verlässlichkeit. Sie erinnern daran, dass Begleitung manchmal bedeutet, nichts mehr verändern zu können und dennoch zu bleiben. Gerade darin liegt ihr besonderer Wert – für den sterbenden Menschen ebenso wie für seine Angehörigen.
Wer sich dafür interessiert findet hier Infos: www.kloster-neustift.it/de/bildungshaus/weiterbildung-kurse/detail/kurzlehrgang-sitzwache-bei-sterbenden-1021417/





