Behinderung
Leben

Fußball ohne Beine – Clemens zeigt, wie´s geht!

Hildegard Tscholl
20
January
2026

Fußball ohne Beine – Clemens zeigt, wie´s geht!

Clemens kam vor 14 Jahren ohne Beine in Vorarlberg zur Welt. Was für Außenstehende wie ein schwerer Schicksalsschlag erscheinen mag, war für ihn nur der Anfang einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Nichts kann den quirligen, fröhlichen Jungen in seiner Bewegungsfreude und Lebenslust bremsen. Mit seinem Rollstuhl flitzt er durch die Gegend, lacht, musiziert und steckt alle mit seiner Energie an. Das Erstaunlichste aber ist: Clemens ist leidenschaftlicher Fußballer – und steht regelmäßig gemeinsam mit seinen Freunden auf dem Platz, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Junge ohne Beine spielt Fußball mit seinen Freunden

Clemens, du hast bei einem Interview auf die Frage, welche deine schönste Kindheitserinnerung sei, spontan geantwortet: meine Geburt. Was meinst du damit?

CLEMENS: Die Geborgenheit nach meiner Geburt durch meine Mama und meinen Papa zu spüren, war einer meiner schönsten Momente in meinem Leben.

Gibt es auch eine schmerzliche Erinnerung in Bezug auf deine Behinderung?

CLEMENS: Es gibt nicht wirklich was Schmerzliches, was ich aufgrund meiner fehlenden Beine erlebt habe. Wenn es den Anschein hat, dass ich irgendwo nicht mitmachen kann, dann bewahrheitet sich oft das Sprichwort „Wo ein Wille, da ein Weg“. Und es ist tatsächlich so: Lösungen werden gefunden. Denn auch ohne Beine kann ich mich mit Freunden treffen, Fußball spielen und vieles mehr.

Im besagten Interview wurdest du als Wunderkicker betitelt. Wie kommst du zu diesem ruhmreichen Titel?

CLEMENS: Vielleicht dachte sich die Redaktion, dass es nicht alltäglich ist, dass ein Junge ohne Beine ganz normal im Fußballverein dabei ist, um mit den anderen Jungs zu kicken. Für Fußball interessiere ich mich schon lange. Bei meinen Eltern habe ich immer wieder gebettelt, weil ich wie die anderen im Fußballverein dabei sein wollte. Eines Tages – da war ich 9 Jahre alt – hat dann meine Mama den Verantwortlichen angerufen, weil ich ihr keine Ruhe gelassen habe. Er ließ mich schnuppern kommen. Da hatte ich das große Glück, dass der Trainer, der für meine Altersklasse zuständig war, ein charakterlich echt super Typ war. Er hat mich genau gleich behandelt wie alle anderen auch. Immer, wenn ich eine Übung nicht mitmachen konnte, durfte ich sein Co-Trainer sein. Dass er mir das zugetraut hat, hat mich sehr gestärkt. Und meine Kollegen haben mich in dieser Rolle akzeptiert.

Du trittst auch als Straßenmusiker auf. Dabei stehst du in einem ganz anderen Kontext in der Öffentlichkeit. Welche Erfahrungen machst du dabei?

CLEMENS: Um mein Taschengeld aufzubessern, spiele ich im Sommer in der Fußgängerzone manchmal mit der Trompete. Die Reaktionen der Leute sind eigentlich immer freundlich. Das nehme ich gerne als Kompliment an und das motiviert mich, mein Bestes zu geben. Besonders Kinder schauen mich aufgrund meiner fehlenden Beine oft an und fragen dann ihre Eltern, warum ich keine Beine habe. Mir ist es grundsätzlich sehr recht, wenn mich die Leute fragen und nicht einfach nur schauen.

Junge ohne Beine fährt Skateboard

Du bewegst dich ständig unter Menschen mit gesunden Beinen. Hast du nie den Wunsch, normal laufen zu können?

CLEMENS: Es gibt selten Momente, in denen ich mich wegen meiner Beeinträchtigung benachteiligt fühle. Natürlich würde ich mich freuen und ich würde „Ja“ sagen, wenn ich Beine bekommen würde. Aber ich kenne es nicht anders. Ich bin dennoch schnell in meiner Fortbewegung, entweder auf dem Skateboard oder mit dem Rollstuhl. Ich habe Beinprothesen, ziehe diese aber nicht so gerne an, weil ich rasch Druckschmerzen bekomme und stark schwitze. Zudem schränken sie mich in meiner Beweglichkeit ein. Deshalb bin ich gerne einfach so unterwegs, wie ich bin.

Was denkst du, wie sehen dich deine Freunde?

CLEMENS: Ich spüre immer wieder, dass es im Alltag – besonders in der Schule – keine große Rolle spielt, ob ich Beine habe oder nicht. Am Turnunterricht nehme ich anz normal teil und mache fast alles mit. Kürzlich hatten wir ein Hallenturnier. Mein Freund fragte mich, ob ich Hallenschuhe dabei habe. Ich lachte und sah ihn fragend an. Er wiederholte die Frage nochmals, ehe er realisierte, dass ich keine Füße habe. Er hat sich fast ein bisschen geschämt. Mir hat das gezeigt, dass er mich als Clemens sieht und die fehlenden Beine gar nicht mehr bemerkt. So erlebe ich es immer wieder und darüber freue ich mich.

Gibt es etwas, was du dir in der Begegnung mit fremden Menschen wünschen würdest?

CLEMENS: Ich wünsche mir, gleich behandelt zu werden. Und ich wünsche allen, die eine Behinderung haben, dass sie sich annehmen können, wie sie sind.

Wie bereits erwähnt, strahlst du Lebensfreude und Tatendrang aus. Wer oder was hat dich dahingehend besonders geprägt?

CLEMENS: Die Lebensfreude habe ich von meiner Mama. Sie ist eine starke Frau. Und auch von meinem Papa, der immer dafür sorgt, dass ich auch ohne Beine gut mobil sein kann.

Die Schule ist für lebhafte Jungs meist nicht das Gelbe vom Ei. Wie steht es bei dir in dieser Hinsicht?

CLEMENS: Ja, da hätte ich einige Vorschläge, wie die Schule auch für Jungs besser (über-)lebbar wäre. (lacht). Nach der Schule und den Hausaufgaben ist das Verbringen der Freizeit mit meinen Freunden mein großes Glück und mein Ausgleich.

Was sind deine nächsten Zukunftspläne?

CLEMENS: Jetzt bin ich im letzten Schuljahr der Sport-Mittelschule. Beruflich möchte ich auf jeden Fall etwas machen, wo ich mit Menschen zu tun habe und kreativ sein kann. Ich organisiere gerne und interessiere mich für Marketing. Ich werde voraussichtlich in diesem Bereich eine Lehre beginnen.

Fröhlicher Junge ohne Beine sitzt auf einer Mauer

Was macht dich für deine Freunde interessant?

CLEMENS: Ich habe viele Ideen und kann Menschen gut miteinander verbinden. Zudem bin ich vielseitig interessiert. Bei KISI-Vorarlberg bin ich seit meinem 4. Lebensjahr dabei. Die Gemeinschaft in dieser christlichen Musical-Gruppe trägt sicher auch dazu bei, dass ich mich traue, vor Leuten zu sprechen. Mein Highlight ist das Teenager-Programm nach den Proben.

Was denkst du, was hat sich Gott gedacht, als er dich geschaffen hat?

CLEMENS: Ich bin überzeugt, dass Gott keine Fehler macht, und deshalb glaube ich, dass Er einen guten Plan für mein Leben hat. Bis jetzt läuft es ganz gut so und darüber bin ich sehr dankbar.

Clemens wurde von „RollOn Austria“, einem Format des ORF, interviewt. Hier der Link zum Beitrag: https://www.youtube.com/watch?v=UVkBXLfdteQ&t

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