Abtreibung
Abtreibungsarzt
Erfahrungsbericht

Eine Abtreibung hinterlässt Spuren

17
March
2026

„Notsituationen gibt es viele im Leben. Doch jedes Kind nur einmal.“

Eine Abtreibung hinterlässt Spuren

Als Teenager hatte ich eine Abtreibung. Doch niemand hatte mich gewarnt, wie viel Schmerz und Einsamkeit danach auf mich warten würden. Trotzdem gab es jemanden, der mich sah. Und mich nicht aufgab…

Von Petra Plonner

"Bevor wir die Straße zur Abtreibung zu einer vierspurigen Autobahn ausbauen, sollten wir den Weg für Frauen ebnen, es mit Kind schaffen zu können" Petra Plonner

Die Facharztassistentin blickte von ihrem Pult auf und sah mir in die Augen. „Positiv.“ Ich hörte dieses Wort und nahm es doch nicht wirklich wahr. „Positiv“, dröhnte es in meinem Kopf: das bedeutete „schwanger“ – und daran konnte ich nichts „Positives“ sehen! Als mich mein Gynäkologe in seine Ordination holte, brach ich in Tränen aus. Ich stand kurz vor meiner Reifeprüfung und hatte – wie die meisten jungen Mädchen – große Pläne für meine Zukunft. Zunächst einmal wollte ich für ein Jahr ins Ausland gehen, nach Italien, und dann meine Kenntnisse durch ein Sprachstudium vertiefen. Ich wollte erfolgreich sein und mich selbst verwirklichen. Und nun war ich hier, in dieser Ordination, und erwartete ein Kind. Es passte überhaupt nicht in meine Lebenssituation. Im Gegenteil: Es bedrohte alle meine wohl durchdachten Pläne.

Ein Kind passte überhaupt nich in meine Lebenssituation!

Ein Kind passte überhaupt nicht in meine Lebenssituation! Der Gynäkologe war an jenem Tag vermutlich gestresst und müde. Jedenfalls hatte er wohl weder Zeit noch Lust, sich länger mit einem hysterisch weinenden Teenager auseinanderzusetzen. Jetzt führ dich mal nicht so auf“, sagte er schroff, „offensichtlich willst du das alles nicht. Also geh zu meinem Kollegen in den achten Stock, er wird das Problem für dich lösen.“ Mit diesen Worten hielt er mir die Tür auf. Ich ging – ohne zu wissen wohin. Ich hatte nur das dringende Bedürfnis, mit jemandem zu reden.

Einem ersten Impuls folgend schlug ich die Richtung zur Arbeitsstelle meiner Schwester ein, die gerade über die Straße lag. Doch vor der Tür machte ich Halt. Was, wenn sie mit meinen Eltern darüber reden würde? Als das jüngste von sechs Kindern war ich in einem wohlbehüteten, gesunden Elternhaus aufgewachsen. Nie hatte ich meine Mutter darüber klagen hören, dass sie „nur“ zu Hause war, sie schien mit Leib und Seele Mutter zu sein. Sogar mich, als sechstes, bezeichnete sie als Wunschkind. Trotzdem wollte ich nie so leben wie sie. Ich dachte, ein Mädchen müsse die große Welt sehen, dürfe sich von niemandem abhängig machen, müsse gebildet sein und viel Geld verdienen – dann wäre es glücklich. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätten meinen Eltern Ja zu dem Kind gesagt, selbst dann, wenn sie es hätten großziehen müssen.

Doch das wollte ich nicht. Ich wollte nicht versagen. Ich war stark. Ich würde die Dinge selbst in die Hand nehmen. Also sprach ich mit niemandem darüber, außer mit dem Vater des Kindes. Er meinte es gut mit mir und sagte nur: „Das ist DEIN Leben. Das musst du schon selbst entscheiden. Ich möchte dich nicht beeinflussen.“ Die darauffolgenden Tage erlebte ich wie in einer Trance. Manchmal dachte ich, ich würde es auch mit dem Kind schaffen. Aber meistens weinte ich nur und sah keinen Ausweg – außer einem: Einfach nur weg damit, wieder „unschwanger“ sein, so tun, als wäre nie etwas gewesen. Ich erinnere mich genau an den Tag, als ich morgens mein Elternhaus verließ, als ginge ich zur Schule. Doch ich war auf dem Weg in den „achten Stock“. Dann ging alles sehr schnell. Und dennoch: Als ich an jenem Nachmittag nach Hause kam, war ich nicht mehr dieselbe. Ich konnte gar nicht glauben, dass ICH es getan hatte. Ich war grundsätzlich immer gegen Abtreibung gewesen. Und ich hatte Kinder immer gemocht. Doch mit diesem Kind war es anders. Es hatte mich bedroht – meine Pläne, meine Zukunft, mein Leben.

Als ich an jenem Nachmittag nach Hause kam, war ich nicht mehr diesselbe

Die körperlichen Folgen waren nicht der Rede wert und bald überstanden. Aber in meiner Seele blieb diese tiefe Leere, die ich auch als inneren Tod beschreiben möchte. Tod deshalb, weil es keine wahre Freude mehr für mich zu geben schien. Ich vergrub mich in meine Schularbeiten; das Lernen half mir, nicht über die vergangenen Ereignisse nachdenken zu müssen. Doch die Nächte waren oft lang und schlaflos. Es gelang mir nicht, mit dem Thema abzuschließen. In meinen unruhigen Gedanken lebte mein Kind weiter. Ich stellte mir vor, wie es wohl aussehen würde, wie es lachen, weinen, sprechen würde. Es wuchs neben mir auf, obwohl es gar nicht da war.

In meiner Seele blieb diese tiefe Leere, die ich auch als inneren Tod beschreiben möchte

In meiner Seele blieb diese tiefe Leere, die ich auch als inneren Tod beschreiben möchte. Meine Schwester wurde kurze Zeit später schwanger – und es war schrecklich für mich, ihre Vorfreude auf dieses Kind miterleben zu müssen! Zu sehen, wie sie ein Gitterbettchen anschaffte und dieses kleine Pünktchen von Anfang an als ihr Kind betrachtete. Nicht als etwas Verschwommenes, nicht als Zellhaufen, nicht als Schwangerschaftspotential – sondern als Menschenkind: einzigartig, wertvoll. Und obwohl ich damals noch keine Ahnung von der Entwicklung des Kindes im Mutterleib hatte, war mir eins sofort nach der Abtreibung bewusst gewesen: Das war mein Kind und ich hatte es getötet. Diese Schuld lastete auf mir wie ein schwerer Stein. Und ich wusste auch, dass kein Mensch mich davon befreien konnte.

Als mein Neffe geboren wurde, war ich bereits eine junge Studentin und verfolgte meine Pläne mit Zielstrebigkeit. Aber ich spürte, wie mein ganzes Herz an diesem Kind hing. Später entdeckte ich, dass er wohl so etwas wie ein „Ersatz“ für mein eigenes, verlorenes Kind gewesen sein muss. Heute finde ich es erschreckend, dass niemand bemerkt hatte, wie es mir in meinem Innersten ging, weder meine engsten Freunde noch meine Familie. Wie gut sind wir doch im Maskentragen! Ich dachte, ich müsste immer die Starke spielen, dürfe mir nur keine Blöße geben. Aber innerlich war ich furchtbar einsam. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich emotional nicht wieder in den Griff bekommen. Der Anblick eines Plakates, auf dem ein neugeborenes Baby abgebildet war, ließ mich auf der Straße in Tränen ausbrechen. Die Erinnerungen an die Abtreibung brachten mich zum Zittern. Und die Schuld lastete so schwer auf mir, dass ich mir selbst verbot, jemals in meinem Leben Kinder zu haben. Trotz meiner Jugend war das eine sehr schwere, selbst auferlegte Strafe, aber ich war mir sicher, dass ich es nicht ertragen könnte, wieder schwanger zu werden. Und sollte es doch passieren, würde ich mich umbringen.

Sollte ich jemals wieder schwanger werden, würde ich mich umbringen

Ich fühlte mich betrogen. Warum hatte mir niemand Bescheid gesagt? Warum taten alle so, als wäre es ein hart erkämpftes Recht der Frau, abzutreiben? Warum hatte mich niemand darüber informiert, was das in uns Frauen auslösen kann? Wer hat uns so blind gemacht, dass wir unseren Nachwuchs nicht schützen und verteidigen, sondern preisgeben? Und nein: Ein Kind lässt sich nicht einfach „wegmachen“, als wäre es nie dagewesen. Es war da. Ich denke, jede Frau weiß das.

Ich war nicht besonders religiös erzogen worden und konnte mit der Kirche wenig anfangen. Meine Freundin war hingegen sehr gläubig und erzählte mir immer wieder von Jesus und davon, dass er am Kreuz für unsere Schuld gestorben ist. Natürlich kannte sie meine Geschichte nicht – niemand kannte sie –, und doch sprach sie in mein Herz. Der Gedanke, dass es einen Gott geben könnte, der von außen auf unseren Wahnsinn blickt und mit starker, helfender Hand eingreifen könnte, faszinierte mich – auch wenn ich nicht daran glauben konnte. Diese Gespräche mussten allerdings einen Hoffnungsfunken in mir entzündet haben, denn ich weiß noch, dass ich in einer dieser schlaflosen Nächte ein unkonventionelles Gebet gesprochen habe: „Gott, wenn es Dich wirklich gibt, dann vergib mir bitte.“

Einer hat mich gesehen

Was bald darauf geschah, lässt sich schwer in Worte kleiden. Ich würde es als wirkliches Wunder bezeichnen. In einem freikirchlichen Gottesdienst, den ich mit meiner Freundin besuchte, sprach Gott durch einen Pastor mitten in meine Lebenssituation und ich wusste: Mir ist vergeben. Ich brach in Tränen aus und weinte an der Schulter meiner sprachlosen Freundin den Schmerz der letzten Jahre aus mir heraus. Dieser Stein der Schuld, der so lange auf mir gelastet hatte, war weg! Mir war vergeben! Gott hatte mich und meine Not gesehen und mir einen Neuanfang geschenkt. Darüber konnte und wollte ich nicht schweigen. Heute bin ich verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern und möchte „mit meiner Geschichte“ eine hoffnungsvolle Botschaft verbreiten: Es gibt Vergebung, es gibt Heilung, es gibt Hilfe! Ich hoffe, diese Botschaft erreicht auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser.

Petra Plonner bei einem Flashmob vor dem österreichischen Parlament in Wien

ZUR PERSON:

Mag. Petra Plonner ist Gründerin des Netzwerks christlicher Bildungseinrichtungen www.trinity. co.at und Pastorin in der LIFE Church, einer Pfingstgemeinde in Leoben/Steiermark. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Lebensbewegung www.lebensbewegung.at , einer Beratungsinstitution für Frauen in und nach Schwangerschaftskonflikten. Petra ist in verschiedenen gesellschaftspolitischen Bereichen aktiv, zuletzt sehr erfolgreich mit der Bürgerbewegung #fairändern www.fairaendern.at und der Plattform www.keineinzelfall.at . Denen eine Stimme zu geben, die keine haben oder sich in Notsituationen befinden, sieht sie als ihre Aufgabe. Petra ist verheiratet mit Helge, einem Theologen, Musiker und Unternehmer. Sie haben drei erwachsene Kinder.

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