Warum wir trotzdem weitermachen
Lebensschützer werden in unserer heutigen Gesellschaft belächelt, marginalisiert und bekämpft. Bei allen regionalkulturellen Unterschieden gibt es doch Beispiele aus dem ganzen deutschsprachigen Raum: Hier wird man als Abtreibungsgegner“ für „von vorgestern“ gehalten und politisch in die rechte Ecke gestellt, dort werden gesetzliche Regelungen erdacht, die einzig zum Ziel haben, eine unliebsame Meinung aus dem Bild der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen. Und wieder woanders werden die Räumlichkeiten von Lebensschutz-Organisationen mit Farbe, Kleber und sonstigem Unrat beschmiert. Warum machen Lebensschützer trotzdem weiter? Was treibt sie an und warum hören sie nicht auf, wo ihr Einsatz doch immer mehr einem Kampf gegen Windmühlen zu ähneln scheint?
Ein Einwurf von Paula Ketteler

Das Thema Abtreibung begegnete mir zum ersten Mal im Alter von circa sechs Jahren, und zwar aufgrund unseres familiären Abendgebets, in dem wir auch für „die Ungeborenen“ beteten. Irgendwann fragte ich meine Eltern, was das bedeute, und sie erklärten es mir. Für mich war es selbstverständlich, dass Eltern ihre Kinder liebten, und es kam mir höchst unlogisch vor, was sie mir da erzählten. Wie konnte es sein, dass es Eltern gab, die ihre Kinder nicht wollten? Viele Jahre trug ich diese Frage unbeantwortet in meinem Herzen, und als ich später begann, mich für den Lebensschutz zu interessieren, bremste sie mich. Ich fürchtete mich davor, mich außerhalb der eigenen Bubble gegen Abtreibung zu positionieren, weil ich mir dachte: „Ich weiß ja gar nicht, wie es den Frauen geht. Was soll ich antworten, wenn mich jemand fragt?“
Im Frühjahr 2009, damals noch Studentin, betrat ich dann das erste Mal das Profemina-Büro in Heidelberg, gedrängt vom Wunsch, mehr zu verstehen. Bis dato wusste ich nur, dass diese Organisation Schwangerschaftskonfliktberatung machte – ohne jedoch den für eine Abtreibung in Deutschland erforderlichen Beratungsschein anzubieten. Und dass Schwangere in Not ihnen „die Bude einrannten“.
Beruf als Berufung
Dieser halbe Tag in Heidelberg, an dem ich alle meine jahrelang aufgesparten Fragen loswerden durfte, wirkte wie eine Offenbarung. Plötzlich war es in meinem Kopf glasklar: Es ist ja gar nicht so, dass die Frauen ihre Kinder nicht wollen, sie wissen einfach nur nicht, wie es gehen soll! Diese Erkenntnis ist bis heute der Grundstein meines Engagements im Lebensschutz. Jedes Mal, wenn ich eine Beratungsanfrage lese, in der eine schwangere Frau genau das ausdrückt – dass sie ihr Kind liebt, aber nicht weiß, wie sie es mit diesem Kind schaffen soll – fühle ich mich neu gerufen und bin dankbar, bei 1000plus diesen Frauen und ihren Familien auch mein Berufsleben widmen zu dürfen.
Jede Arbeit hat ihre Herausforderungen. Angriffe auf Lebensschützer indes kannte ich in dieser Zeit nur aus den Berichten anderer Organisationen oder Einzelpersonen. Es waren oft solche, die sich stark politisch engagierten und mit Demonstrationen auf ihre Überzeugungen aufmerksam machten. Ich war skeptisch. Mir schien es, als würden sich hier einfach die Extreme gegenseitig aufwiegeln. Ich fand, man könne seine Zeit doch viel wirksamer für Frauen und ihre ungeborenen Kinder einsetzen. Und ich hatte den Verdacht, dass sich so manch einer in dem damit einhergehenden Märtyrerstatus gefiel – man gab sich als letzter Verteidiger der Wahrheit, als heiliger Rest.
Das Ende der Naivität
Das Ende meiner Naivität kam in dem Moment, als unsere Profemina-Beratungsstelle in Berlin überfallen wurde. In einer Oktober-Nacht im Jahr 2019 drangen Unbekannte in unsere Räumlichkeiten ein, zerschlugen Fensterscheiben, beschmierten Wände, vergossen Milchsäure im Flur und verklebten das Türschloss. Als am nächsten Morgen die erste Beraterin zur Arbeit kam, erlitt sie angesichts der manifestierten Zerstörungswut einen emotionalen Schock. Die Übeltäter wurden nie gefunden. Und es sollte nicht der letzte Überfall unserer Beratungsstellen bleiben.
Was war passiert? Zuvor hatten wir mit 1000plus jahrelang „unter dem Radar“ der Abtreibungsbefürworter agiert. Weil wir uns ganz auf die Beratung und Hilfe für Schwangere konzentrierten und uns von allen politischen Aktionen fernhielten, konnten wir das von 1000plus getragene Profemina-Beratungsangebot ungestört ausbauen – dank unserer unfassbar großzügigen Unterstützer, die ebenfalls nichts anderes wollten als Frauen helfen und Babys retten. Radikal war für uns kein politisches Wort, sondern stand für radikale Solidarität mit der schwangeren Frau. Irgendwann aber kam der Tag, an dem die Präsenz von Profemina im Internet unübersehbar wurde. Sowohl für die Schwangeren in Not, die sich zu Tausenden an uns wandten, als auch für diejenigen, die der Ansicht sind, dass eben jene Frauen nichts anderes bräuchten als einen möglichst schnellen Abtreibungstermin. Der erste Medienartikel, in dem unsere Beratungsarbeit als Manipulation verleumdet wurde, erschien Ende 2018. Und damit ging es los: mediale Hetzkampagnen, politische Versuche unsere Arbeit zu behindern, linke Demonstrationen und schließlich die Überfälle, die bis heute andauern.
Wer politisch angegriffen wird, muss sich politisch zur Wehr setzen
Diese Ereignisse förderten in mir eine neue Erkenntnis zu Tage: Wenn das Leben so sehr angefeindet wird wie derzeit, wird jedes Engagement für das Leben politisch, ob wir wollen oder nicht. Und das bedeutet: Man kommt über kurz oder lang in das Visier der politischen Gegner. Wollte ich diese Arbeit fortsetzen? Wenn ja, dann musste ich auch die politische Dimension akzeptieren. Zugegeben, die politische Wortmeldung und die Demonstration sind immer noch nicht meine liebsten Engagements. Aber meine Sichtweise darauf hat sich drastisch geändert. Nicht, weil ich es auf einmal erhebend fände, mich beim Marsch fürs Leben anbrüllen zu lassen. Sondern weil mir klar geworden ist, dass die Sichtbarkeit des Lebensschutzes in der Gesellschaft kein Selbstzweck ist, sondern notwendig, um den Frauen auch in Zukunft noch helfen zu können. Der politische Lebensschutz in Europa befindet sich in Erosion. Und mit ihm auch sein rechtlicher Status. Per Salami-Taktik ringt das linke Lager den konservativen Parteien immer mehr Zugeständnisse ab: Hier die Einführung einer „Schutzzone“, mit der das stille Gebet vor Abtreibungseinrichtungen kriminalisiert wird, dort eine Abwertung der Gewissensfreiheit für Ärzte. Abtreibung wird zunehmend als Menschenrecht verstanden und die Staaten, die sie noch nicht vollends durchgesetzt haben, gelten als rückständig und patriarchalisch. Ähnlich geht es bei den Fragen am Ende des Lebens zu.
Weil es ein Privileg ist
Die gesellschaftlichen Umwälzungen sind beträchtlich: Die Überzeugung, dass jedes Leben schützenswert ist, gilt inzwischen als politische Extremposition. Lebensschützer werden an den Rand der „Demokratie” gedrängt. Diejenigen, die Abtreibung für keine gute Lösung halten, treten immer weniger in Erscheinung und die Stimmen derer, die ihre völlige Freigabe fordern, werden immer lauter. Doch erstens glaube ich, dass noch viel mehr Menschen dem Leben positiv gegenüberstehen, als wir derzeit wahrnehmen. Und zweitens kann auch dieser Widerstand kein Grund sein, aufzugeben. Denn es bleibt die Erfahrung der Wahrheit, Schönheit und Güte des Lebens: Ein Kind zu sehen, das die Welt entdeckt. Die bewegten Zeilen einer Mutter zu lesen, die sich nicht mehr vorstellen kann, ohne dieses Kind zu leben. Das Wissen um das Glück einer Familie, die sonst nicht existieren würde. Der dankbare Rückblick auf das eigene Leben.
Diese individuellen Erfahrungen, die vermutlich jede Leserin und jeder Leser mit mir teilt, reihen sich auf wie eine Perlenkette und sie bestätigen die Überzeugung unseres Glaubens: Dass das Leben heilig ist. Und dass es ein Privileg ist, es empfangen und schützen zu dürfen.























